Donnerstag, 9. November 2017

Die Entstehung eines Lieblingsteils

Wenn ich gefragt werde, was ich am Nähen so liebe, dann antworte ich "anschließend etwas in den Händen halten zu können, dass ich selbst erschaffen habe". Wenn ich dies noch weiter ausführen darf, dann erzähle ich, dass ich aus einer Bahn Stoff etwas genau nach meiner Vorstellung fertigen kann. 

Manchmal gibt es für meine Vorstellung kein fertiges Schnittmuster oder ich will mir nicht den 231. Schnitt kaufen, der nur ein Mü anders ist, als einer aus meinem Bestand. Dann passiert, woran ich euch letzte Woche nahezu live in den Instagram-Storys teilhaben lies: Wildes, systematisches Schnittgebastel, dass ich nicht selten auch nach stundenlanger Arbeit nochmal komplett über den Haufen werfe, weil die Lösung meines "Problems" doch näher lag als ich dachte. Aber lest selbst...


Vom "Stoffencircus" in Hamm - wo ich natürlich nur zum "gucken" hin wollte... ist klar ;-) - habe ich mir ein Stück Wollstoff mitgebracht. "Gekochte Wolle!", meinte der liebe Holländer zu mir. 20 Euro für einen Abschnitt von mindestens 2m Länge - da musste ich zuschlagen. Zumal ich wusste, dass ähnliche Stoffe schnell bei 20 Euro pro Meter liegen!

Was daraus werden sollte, war sofort klar: Ein Kuschelmantel!



Dann kam es zu meinem Schnittgebastel. Ich wollte einen Schnitt, der so einfach ist, wie der Basic-Strickmantel von Kibadoo, der die Optik eines Duffle-Coats (ähnlich BurdaStyle 111-112011-DL) hat und unbedingt die Kapuze vom "Käpykuusi"-Mantel (Ottobre 6/2012), da die so schön fällt.

Nachdem ich schon jammernd und fluchend den Schnitt vom Burda-Mantel abkopiert hatte (das U-Bahn System von Tokio ist nichts dagegen!) und ihn an die gewünschte Kapuze angepasst hatte, musste ich feststellen: Die Ärmelausschnitte waren schon in Gr. 36 gigantisch und viel zu groß für mich. Aber ich hatte da mal vom alten Herrn ein Buch zur Anpassung von Schnittmustern bekommen und immer wieder hatte er gemeckert, dass ich da ja doch nicht reinschauen würde. Jetzt war seine Stunde gekommen!

Im Buch fand ich sämtliche Grundanleitungen zum Nähen, Ändern und Anpassen von Schnittmustern und eine ganze Doppelseite zur Ärmel-Anpassung. Alles wird erklärt, außer wie man die Armkugel anpassen muss, wenn man den Ärmelausschnitt verkleinert... 


Jetzt hatte ich zwei Möglichkeiten: Entweder versuchen anzupassen und den Stoff notfalls komplett verschneiden oder nochmal von vorne anfangen und vielleicht einfach den Basic Strickmantel anpassen? Ich machte die Tür vorm entstandenen Chaos zu und ging nochmal eine Nacht drüber schlafen.

Nach total lieben, nächtlichen Brainstorming mit Claudi alias Frau Liebstes setzte ich am nächsten Tag nochmal an. Nun nahm ich tatsächlich den Schnitt vom Basic Strickmantel (Kibadoo) und änderte ihn so, dass die Kapuze vom "Käpykuusi"-Mantel dran passte.
Der Zuschnitt war schnell erledigt und das Nähen im Vergleich zur Zeit, die ich für die Schnittfindung aufgewandt hatte, ein Witz. 


Wie ihr auf dem ersten Bild sehen könnt, hat der Wollstoff eine wunderschöne Strick-Innenseite, die zum Überfüttern viel zu schade gewesen wäre. Daher hatte ich mir den Mantel auch nur zum Überziehen und nicht als wirklichen Jackenersatz vorgestellt. Bei der ersten Anprobe spürte ich aber direkt die wärmende und isolierende Eigenschaft des Wollstoffs. Jetzt überlegte ich, den Mantel doch als Jackenersatz tragen zu wollen. Dann würde ich ihn aber auch gerne komplett schließen wollen... 



Ich hatte den Saumstreifen am Vorderteil vom Basic Strickmantel weggelassen und somit fehlte es mir jetzt im Hüftbereich der Überschlag  und insgesamt Weite um den Mantel schließen zu können. Wieder hatte ich zwei Möglichkeiten... Entweder ich verzichtete auf die Option, den Mantel schließen zu können und wäre fertig gewesen oder ich ändere die Vorderteile unterhalb der Tascheneingriffe... Ein leises seufzen, Lokalisation der Knackpunkte, Anpassung des Schnittteils, Probestecken, untere Vorderteile mit Anpassung neu zugeschnitten, Trenner in die Hand und Tatort an.

In den nächsten Tagen nähte ich wieder vorwärts statt rückwärts und mein Mantel wurde fertig. Kleine Barrieren wie die zunächst zu geringe Anzahl Knebelknöpfen und knapp bemessener Kordel seien an dieser Stelle erwähnt, sollen die Geschichte aber nicht weiter in die Länge ziehen. Fakt ist, mein Mantel ist nun fertig. Er ist genauso, wie ich ihn haben wollte und ich liebe ihn. 


Warum ich heute vom Entstehungsprozess meines Mantels erzählt habe...

Momentan habe ich das Gefühl, alles soll schnell gehen und niemand will mehr Fehler machen. Ja, es wird sogar gestöhnt, wenn Dinge gezeigt werden, die nicht exakt nach Schnittmuster genäht wurden und damit nicht einfach nachzunähend sind. Für alles werden Anleitungen gesucht, für jede Anpassung eine Erklärung, für jede Änderung eine Begründung und vor allem mit jedem noch so kleinen "neuen" Detail kommt ein neuer Schnitt. Ist das nicht zumindest teilweise ein Widerspruch zur so oft genannten Kreativität und der Individualität? Was heißt eigentlich einzigartig? Geht es heute nur noch um das Endprodukt? Auch Mira hat sich dazu Gedanken gemacht. Ich bin inzwischen der Ansicht, wer nicht trennt, näht nicht richtig. 

Wenn du nähst, warum nähst du? 

Ich hoffe für diese leicht provokanten Gedanken zerfleischt ihr mich nicht. Es ist meine Beobachtung der Nähwelt.

Liebe Grüße, Nadine


Kurz gesagt:
  • Grundlage des Mantels ist der Basic Strickmantel von Kibadoo
  • Auf den Saumstreifen an den Vorderteilen wurde verzichtet, daher ergab sich beim Schließen des Mantels ein Problem mit der Weite im Hüftbereich
  • Die unteren Vorderteile des Basic Strickmantels wurden etwas ausgestellt zugeschnitten um an Weite zu gewinnen.
  • Die Kapuze ist nicht im Schnitt enthalten, sondern basiert auf dem "Käpykuusi"-Mantel (Ottobre 6/2012)
  • Zum Ansetzen der Kapuze wurde der Schnitt vom Basic Strickmantel von mir angepasst

  • Das Shirt ist genäht nach dem Schnitt Betula von Fabelwald
  • Das Tuch habe ich bereits hier vorgestellt



Kommentare:

  1. Liebe Nadine, danke für deine wahren Worte! Erst einmal muss ich mir ein Tränchen verdrücken, denn ich sehe noch vor Jaaaahren deinen Vater vor mir, wie er mich fragte, ob oder wie er sein kleines Mädchen bei ihren Nähanfängen unterstützen könnte/sollte. Ich bin sehr glücklich, ihn damals wohl das richtige geraten zu haben. Du kannst sehr stolz auf dich und deinen Weg sein! Respekt! Nähen kann vieles sein. Natürlich sollen ein Stapel Leggings für 3 Enkelmädchen fix fertig sein, aber Nähen kann ebenso an anderen Tagen „Leidenschaft“ im wahrsten Sinne des Wortes sein... es wird gepuzzelt, getrennt und Stück für Stück entsteht aus der Phantasie ein geliebtes Kleidungsstück. Ich kann auch heute noch völlig in diesem Prozess versinken. Liebe Grüße, natürlich auch an deinen Vater Sabine

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    1. Liebe Sabine und jetzt muss ich ein Tränken verdrücken, denn ich erinnere mich noch genau an diesen Tag auf der Creativa und was danach kam. Ich danke dir von Herzen für das, was damit begann! Mein Papa hat mich immer unterstützt und ist auch heute noch im Hintergrund mit aktiv. Er ist derjenige, der oft nochmal die Zusammenstellung abnicken muss, der mir abstecken muss, der Schnitte abnehmen kann und der nicht zuletzt immer bessere Fotos macht. Er hat z.B. bei den Fotos vom Mantel endlich das Prinzip vom Belichtungsmesser verstanden - zack, hellere Bilder mit geringer Tiefenschärfe :D Ich nähe ja auch einfache Basicteile für mich, die es nicht immer in den Blog schaffen aber an denen hänge ich dann auch nicht so, wie an an meinem Mantel...

      Liebe Grüße, Nadine

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  2. Dein Mantel ist wunderschön geworden!!! ������ Ich habe bis zum Ende gelesen und gebe Dir vollkommen Recht.... Die Schnittmuster sind oft einfach und nur noch auf schnelles Nacharbeiten ausgelegt. Ich habe wie Du zu Studienzeiten genäht...wenig Geld aber eine Mama die gerne nähte. Da war die alte Schule immer präsent.... Zuschneiden Reihen bügeln trennen.... Leider habe ich im Moment nicht mehr die Muße mit soviel Geduld zu nähen. Zuschneiden... dafür reicht die Zeit...nur weiter komme ich oft nicht. Gerne schaue ich bei Dir vorbei weil du mit soviel Liebe für dich aber auch deine Lieben nähst. Ganz liebe Grüße Ute

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  3. Ich finde deinen Beitrag super!

    Ich habe begonnen zu nähen, weil es
    1. bei bezahlbarer Kinderkleidung zu viel (oder fast nur) Rosa/Pink gibt bzw. gab als sie etwas kleiner war und viel wichtiger ist
    2. weil meine Tochter für viele Hosen und Kleider zu schmal war/ist. Das zeug hing an ihr oder rutschte und sah insgesamt unmöglich aus!

    Ich suchte eine Weile nach passenden Schnitten für sie und habe eine Zeit lang sämtliche von "Lillesol & Pelle" hoch und runter genäht - ich war halt blutige Anfängerin und hatte mich noch nicht an Anpassungen getraut

    Inzwischen ist es bei mir Gang und Gebe, dass ich nun generell Schnitte nähe für meine Tochter, die mir gefallen und ich diese entsprechend ihrer Figur anpasse ... oder auch mal weil sie einen Stoff, der für ihren kleinen Bruder vorgesehen war, unbedingt selbst möchte, aber von der Länge her gar nicht für ihre Größe reicht :-D

    Liebe Grüße

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  4. Liebe Nadine,
    ich hatte mit Spannung deinen Post zu dem Mantel erwartet. Hatte ich doch die Instastorys verfolgt und mit die mitgefiebert. Einen großen Respekt habe ich vor deiner Schnittanpassung und deinem Durchhaltevermögen. Der Mantel ist klasse und steht dir wunderbar. Es hat sich gelohnt ihn doch komplett schließen zu können und als Jackenersatz zu tragen.
    Mit deinem Gedanken, bin ich ganz bei dir, wer nicht trennt näht nicht. Schnitte ändern gehört dazu und sollte für das individuelle Kleidungstück doch wohl ganz normal sein. Außerdem macht es einfach Spaß, das ändern, denken und sich selbst etwas nach seinen eigenen Vorstellungen geschaffen zu haben.
    Ich find klasse und das bleibt auch so, egal wie die Entwicklung ist.
    Ganz liebe Grüße und viel Freude mit deinem schönen und individuellem Mantel
    Jana

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  5. Wow! Was für ein schönes Lieblingsstück!
    Ich würde dein Post voll unterschreiben!
    Lieblingstücke brauchen einfach länger - und genau das macht ja den Reiz am nähen aus - die Sachen sind naher genau nach Wunsch und nicht irgendein fauler Kompromiss von der Stange...
    Vielleicht hat man mit dem Schnittabändern nicht ganz so viel Ergebnisse zum Vorzeigen wie andere - aber eindeutig die Besseren!
    Ist finde ich echt eine Frage ob man Quantität oder Qualität möchte...
    LG, Barbara
    PS: ich überlege grade aus welchem meiner Schnittmuster ich einen ähnlichen Mantel basteln könnte wie du ;-)

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  6. Erst einmal ganz großes Lob...der Mantel ist wirklich super geworden!!!
    (und....pssst..gekochte Wolle...ich weiß wer die schon mal günstig hat, weißte, ne?)

    Dann, ganz großes Seufz zu deinen letzten Sätzen! Ja, es ist leider so und ja, ich behaupte da wächst eine Generation heran, die für alle Fragen des Lebens erst einmal nach einen Yo*Tu* Video sucht. Traurig, sich nicht mehr der Herausforderung zu stellen es einfach auch mal selber zu versuchen. Klar ist das toll Hilfestellung zu bekommen, da wo man wirklich auf dem Schlauch steht, aber muss es wirklich ein neuer Schnitt sein, wenn der Ärmel nun zweifarbig genäht werden soll um es mal krass auszudrücken!

    Um deine Frage zu beantworten warum ich nähe, wenn ich nähe? Weil ich dabei etwas entstehen sehe, etwas das zuvor in MEINEM Kopf war und nicht auf irgendeinem Schreibtisch einer Designerin. Manchmal ist es so, dass ich einen Schnitt 1:1 nähe, aber meist fließen eigenen Ideen hinein, manchmal eskaliert das auch und vom ursprünglichen Schnitt bleibt nichts mehr über. Das alles ist aber nur möglich, weil ich durch jahrelange Übung auf viel Erfahrung zurückgreifen kann...learning by doing...und dazu gehört eben auch Auftrennen oder durchaus auch mal ein Teil für die Tonne zu produzieren.

    Liebe Grüße
    Uschi

    P.S.: Und ich wage mal zu behaupten: für deinen zu weiten Ärmel hätte ich eine Lösung gehabt;-). Ich habe das Problem immer anders herum. Nähe dann allerdings vorsichtshalber auch immer ein Probemodell.

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  7. Hallo Nadine, 
    ich habe deinen Enstehungsprozess auch bei Instagram verfolgt und fand es total spannend wie du vorgegangen bist und dich nicht entmutigen lassen hast. Bei mir läuft das oft sehr ähnlich ab. Das ist auch der Grund, warum ich nähe! Ich möchte eben nicht die Klamotten von der Stange, die mit meist doch auch zu lang sind. Ich möchte Klamotten die passen, darum kommt man um Schnittänderungen auch nicht drum herum. Ich habe in der Vergangenheit wirklich viele Schnitte gekauft und möchte das in Zukunft auf das nötigste reduzieren. Ich habe festgestellt, dass man mit teilweise simplen Patternhacks wirklich viele Möglichkeiten hat und man kann sich kreativ richtig ausleben. Mittlerweile baue ich auch, ähnlich wie du, aus verschiedenen Schnitten einen neuen Schnitt zusammen. Dafür braucht man natürlich etwas Erfahrung, macht aber umso mehr Spaß. 
    Liebe Grüße
    Laura

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  8. Der Mantel ist der Knaller! Einfach nur wunderschön geworden, und wenn sich die ganze Mühe lohnt, ist das wirklich ein tolles Gefühl, wenn das Projekt dann endlich fertig ist. Und da vergisst man auch ganz schnell das Fluchen.. ;)
    Ich habe mich heute gefreut, ein schnelles Oberteil zu nähen, bei dem ich genau wusste, wie es passt, wie es genäht wird, ganz einfach halt. Nach dem letzten Jeansprojekt war mal was Leichtes dran. Aber die Herausforderung wie bei dir, reizt mich sonst auch sehr beim Nähen! :)
    Liebe Grüße, Fredi

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  9. Liebe Nadine,
    dein Mantel ist eine Wucht, gefällt mir sehr gut an dir, die Problematik mit dem Puzzeln habe ich auch grad an meiner Wollwalkjacke festgestellt und habe noch keinen Post, aber der wäre so ähnlich, hihi. Ich sage ja gern, nähen ist wie zaubern können, ich stelle mir was vor und mache es und wenn es nicht klappt, wird es halt versucht und getrennt. So geschehen die Tage.
    Ich wünsche dir weiterhin viel Freude mit deinem Mantel.
    Ich nähe, weil ich das was ich mag nicht kaufen will, wenn ich es doch selber machen kann, so wie ich es mag.Außerdem entspannt es ungemein.
    ganz liebe Grüße,
    Petra

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  10. Also für mich liest sich das wie ein spannender Krimi! Mit gutem Ausgang ;-) Das ist doch grade der "Mehrwert" am Bloggen, wenn man Änderungen nachverfolgen kann. Mir hats gefallen und deine Gedanken dazu auch! Lieben Gruß, Veronika

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  11. uiiii der schaaaaut megaaaa aus
    der STOFF gfallt ma volle guat
    den hätt i ah gnomma...freu...freu

    hob no an feinen ABEND
    bis bald de BIRGIT

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  12. Ganz wunderbar beschrieben, du könntest Bücher schreiben :-) Ich kann dich total verstehen, der Mantel sieht klasse aus, schlicht und genauso, wie du es wolltest. Als ich mit Nähen anfing war bei mir viel Trial and Error dabei, nur so lernt man ganz allmählich und ist unheimlich stolz auf sich. Videos kucken kann ja jede-r :-)

    LG, Kati

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  13. Das ist ein sehr gelungener Mantel! Und ein wirklich guter Blogbeitrag über die kreativen Anpassungen eines Schnittes auf die eigenen Bedürfnisse, die über die Größenwahl hinaus gehen!

    (Ich bin auch gerade mit meinem ersten Basic Strickmantel beschäftigt - und trage ihn schon fleißig, obwohl er noch nicht ganz fertig ist...)

    LG, Calina

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Über Kommentare freue ich mich immer! Danke :-)

Liebe Grüße, Fusselline